Am 29. Oktober erinnert die Türkei an die Gründung der Republik durch ihren Landesvater Mustafa Kemal „Atatürk“. Und auch wenn die Hauptstadt seitdem Ankara heißt, so ist die Megastadt Istanbul weiterhin das pulsierende Herz des Landes. Keine Stadt kann die vielschichtige Geschichte und Gegenwart der Türkei so gut symbolisieren wie Istanbul. Begleite mich auf diese Zeitreise und lerne einige Stationen der jüngeren Geschichte kennen.

Der Kapalı Çarşı, bekannt als der Große Basar von Istanbul erstreckt sich über 30 km² und wurde nach der Eroberung der Stadt durch die Osmanen im Jahr 1453 errichtet. Von allen Ecken des riesigen Reiches und darüber hinaus wurden hier Waren gehandelt, ein Symbol für die Macht und den Wohlstand. Doch das Osmanische Reich erlebte ab dem 19. Jahrhundert einen stetigen Abstieg, man sprach schon vom „kranken Mann am Bosporus“ und der Erste Weltkrieg wird ihr Schicksal besiegeln. Die Osmanischen Truppen kämpfen an der Seite von Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich und in diesem Krieg stieg ein General zu großer Bekanntheit auf: Mustafa Kemal.
Der 1881 im heutigen Thessaloniki geborene Mustafa (der Name bedeutet „der Erwählte“) verliert sehr jung seinen Vater. Er hatte keine einfache Jugend, und brach des Öfteren die Schule ab. Seine Mutter Zübeyde wollte, dass er in eine Koranschule geht, doch Mustafa schrieb sich heimlich für die Militärschule ein, wo er ein bemerkenswert guter Schüler wurde. Mit 18 zieht er nach Istanbul wo er zum Generalstabsoffizier aufsteigt. Er schließt sich der liberalen und nationalistischen Jungtürken-Bewegung an und wird zu einem großen Bewunderer westlicher Aufklärer und der Französischen Revolution. Im Weltkrieg erlangt er Berühmtheit als Sieger der Schlacht von Gallipoli. Doch die Niederlage des Osmanischen Reiches konnte nicht verhindert werden. Der Vertrag von Sèvres teilt das einst stolze Reich und ihr Herzstück Anatolien auf. Die Griechen besetzen den Westen, die Franzosen und Italiener kontrollieren den Süden, die Briten überwachen die Dardanellen und den Bosporus, Armenien bekommt einen eigenen Staat und die Kurden sollen ein autonomes Gebiet bekommen. Kemal sieht sein Land in Stücke zerissen und führt den bewaffneten Kampf dagegen an. Er schafft es die Besatzungsmächte zu besiegen und mit dem Vertrag von Lausanne werden 1923 die heutigen Grenzen der Türkei festgeschrieben. Am 29. Oktober des selben Jahres wird die Republik Türkei ausgerufen mit Mustafa Kemal als ersten Präsidenten. Wenige Jahre später wird er sich den Nachnamen Atatürk verleihen, Vater der Türken.

Das Denkmal der Republik (auf Türkisch Cumhuriyet Anıtı) am Taksim-Platz, entworfen vom Italiener Pietro Canonica, erinnert an die Ausrufung der Republik und zeigt unter anderem Atatürk und seinen Ministerpräsidenten und Nachfolger İsmet İnönü.
„Rücksichtslos dem Fortschritt verpflichtet, brach er mit jahrhundertealten Überzeugungen“ Çiğdem Akyol
Die erste Republik in der muslimischen Welt war zu Beginn definitiv keine Demokratie. Atatürk setzt ein Einparteien-System durch in der es nur die von ihm gegründete – und bis heute existierende – CHP (Cumhuriyet Halk Partisi, auf deutsch: Republikanische Volkspartei) gab. Ganz dem europäischen Zeitgeist entsprechend setzt Atatürk auf den Nationalismus als einende Komponente des Volkes, regionale Sprachen und Kulturen werden unterdrückt. Die „Türkisierung“ findet auf allen gesellschaftlichen Ebenen statt, selbst der Gebetsruf erfolgt nun nur noch auf Türkisch und nicht mehr auf Arabisch. Atatürk macht die Türkei zu einem Laizistischen Staat wo Staat und Religion strikt getrennt werden, der Kalender richtet sich nun dem Gregorianischen System und geschrieben wird nun nur mehr in Lateinischer Schrift, was den Großteil der Landbevölkerung auf einen Schlag zu Analphabeten macht. Das Bildungssystem wird neu aufgebaut, der Schulbesuch wird nun für Buben und Mädchen zur Pflicht. Für die Universitäten lockt man insbesondere Akademiker aus Österreich und Deutschland, die dem Nazi-Regime entkommen wollen, ins Land. Dies gilt allerdings nicht für Juden. Auch das Tragen von Nachnamen wird nun zur Pflicht, Familien erhalten dafür Beispiellisten um sich einen Familiennamen auszusuchen. Männer dürfen fortan den traditionellen Fez nicht mehr tragen, die Kopftücher für Frauen werden immerhin noch toleriert, solange es nicht in öffentlichen Institutionen getragen wird.
Generell spielt die Rolle der Frau einen zentralen Baustein in Atatürks Politik. Sie sollen als sein Symbol für Fortschritt dienen. Atatürk sagt in einer Rede an Männer gerichtet: „Es ist unser Egoismus, wenn die Frauen verschleiert sein sollen (…) unsere Frauen sollen ihr Antlitz offen der ganzen Welt zeigen, und sie sollen die ganze Welt mit offenen Augen betrachten.“
Das Islamisches Recht wird abgeschafft, stattdessen wird ein Zivilrecht nach Schweizer Vorbild eingeführt, das – zumindest formell – eine Gleichstellung von Mann und Frau vorsieht, allerdings in vielen Aspekten auch konservativ ist. Im Gegensatz zur Schweiz wird aber ein aktives und passives Wahlrecht für Frauen eingeführt, 1935 sitzen sogar 18 Frauen im Parlament. Die Wahl von Keriman Halis zur Miss Universe 1932 wird von Atatürk genauso als Vorbild genutzt, wie seine acht Adoptivtöchter. Eine davon ist Sabiha Gökçen, die zur weltweit ersten Kampfpilotin wird. Gewisse Patriarchalische Strukturen bleiben trotzdem tief in der Gesellschaft verankert, insbesondere am Land ist der Widerstand zu groß für Atatürks von oben herab verordnete Politik. Trotzdem ist es nicht zu übersehen wie Atatürk dieses Land von Grund auf veränderte. Er schwört vor seinem Ableben das Militär und seine Anhänger darauf ein sein Erbe mit allen Mittel zu verteidigen. Etwas was die Geschichte der Türkei bis heute prägen wird. Mehr dazu in Teil 2.

Atatürk stirbt am 10. November 1938 im Dolmabahçe-Palast mit nur 57 Jahren an einer Leberzyrrhose. Sein westlicher Lebensstil hatte auch seinen Preis. Nicht nur in der Türkei wird er verehrt, durch seine gleichzeitig guten Beziehungen zu Moskau, Berlin, Washington und London hatte er auch viele Bewunderer im Ausland. Winston Churchill, der einst durch Atatürk in Gallipoli eine herbe Niederlage widerfuhr, würdigte seinen einstigen Kontrahenten wie folgt:
„Atatürks Tod ist nicht nur ein Verlust für das Land, sondern für Europa ist er der größte Verlust, er, der die Türkei im Krieg gerettet und nach dem Krieg eine neue türkische Nation wiederbelebt hat. Die aufrichtigen Tränen, die von allen Schichten des Volkes um ihn vergossen werden, sind nichts anderes als eine angemessene Würdigung dieses großen Helden der modernen Türkei“
