Frauenrechte & Feminismus in Peru

In diesem Beitrag berichtet Vanessa Steiner über die Geschichte und die jüngsten Entwicklungen der Bewegung im südamerikanischen Land, sowie über die gemeinsamen Herausforderungen, die auch in Österreich weiterhin existieren.

„Ich habe auf jeden Fall Wut verspürt“, erklärt mir die 55-jährige Maria C. am Telefon, als wir über ihre Jugendzeit in Trujillo, Peru sprechen. Dort wurde sie Ende der 60er Jahre als Kind einer Lehrerin und eines LKW-Fahrers geboren. Gemeinsam mit ihren sieben Geschwistern wuchs sie in einfachen Verhältnissen auf, bis sie mit 21 Jahren den Schritt nach Österreich wagt. Sie erzählt von starren Rollenbildern und fehlender Freiheit, von ihren Brüdern, die alles für sie bestimmten und vom Gefühl der Resignation: denn, so sei es nun mal als Mädchen in Peru.

Peru – das Land im Westen Südamerikas zählt 33 Millionen Einwohner:innen, die Hälfte davon sind Frauen. Was Maria so eindrücklich erzählt, ist das Aufwachsen in einer stark patriarchal geprägten Gesellschaft und obwohl sich in den letzten Jahren vieles zum positiven entwickelt hat, bleiben die Probleme der Frauen in Peru akut: Gewalt, Diskriminierung und ökonomische Abhängigkeit sind bis heute allgegenwärtig.

eine Demonstration gegen Gewalt an Frauen in Lima (Bild: Lorena Flores Agüero via flickr)

Im Jahr 2020 verzeichnete das Land laut offiziellen Zahlen des Instituts für Statistik und Informatik (INEI) insgesamt 107 Femizide und 16.300 Fälle häuslicher Gewalt. Die Dunkelziffer soll viel höher liegen, denn die betroffenen Frauen wagen den Schritt zur Polizei nur in seltenen Fällen, erklärt auch Nidia Puelles – Anwältin und ehemalige Politikerin in Peru. Beschließt eine betroffene Frau die Polizei zu informieren, werde sie in vielen Fällen nicht ernst genommen, teilweise sogar retraumatisiert. Diese Umstände führen dazu, dass viele Gewalttaten unentdeckt bleiben und Täter schließlich nicht belang werden. „Frauenrechte wurden zwar auf Papier festgehalten aber sind noch nicht in der breiten Gesellschaft angekommen“, so Puelles.

Auf die Frage, welche Maßnahmen gesetzt werden können, um Gewalt gegen Frauen in Peru zu verhindern, verweist Puelles auf die grundlegende Bildungsarbeit. Kinder würden viel am Modell lernen, sprich: anhand des Umgangs ihrer Eltern in den eigenen vier Wänden. Noch heute denke sie oft an die Aussage eines Mannes, mit dem sie kürzlich „en la Sierra“ (im Hochland) sprach: Drei Schläge pro Tag würden ausreichen, um seine Frau zu disziplinieren.

Was benötigt werde, ist ein starkes, aufklärendes Bildungssystem, das veraltete Rollenbilder aufbricht. Die Aufklärungsarbeit müsse insbesondere in Schulen und Ausbildungsstätten stattfinden, Regierungskampagnen sollen gezielt auf die Problemlage hinweisen und der Zugang zu Sozialarbeiterinnen und psychologische Beratung erleichtert werden.

Die koloniale Geschichte Perus und der starke katholische Einfluss im Land bilden laut der Soziologin Chloé Constant das Fundament dieser patriarchalen Strukturen. Erst im frühen 19. Jahrhundert kamen vereinzelt Frauen hervor, die dem dortigen Feminismus den Weg bereiteten, darunter Flora Tristán aus Arequipa, Peru. In ihrem Werk die „Emanzipation der Frau“ schrieb sie gegen die Geringschätzung der Frau an und inspirierte damit zahlreiche weitere Generationen peruanischer Feministinnen.

eine Gedenktafel für Flora Tristán im französischen Bordeaux (Bild: Wikimedia Commons)

Beginnend in den 1970er Jahren nahm die feministische Bewegung in Peru im Laufe der Zeit an Fahrt auf. Es wurden Frauenrechtsorganisationen gegründet mit dem Ziel sich gegen Muster männlicher Dominanz, den sozialen Druck durch die katholische Kirche und für die sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung zu engagieren. Der Feminismus weitete sich aus, setzte sich für den gerechten Zugang zu Bildung und Arbeit ein, für Quotensysteme, die politische Teilhabe von Frauen versichern sollen und für einen Feminismus, der alle Frauen inkludiert.

Der Global Fund for Women führt dieses Prinzip der Inklusion und Intersektionalität auch heutzutage in seinem Aktivismus weiter, denn die Erfahrungen von Frauen je nach Klasse, Herkunft und sexueller Orientierung unterscheiden sich signifikant. Ein moderner Feminismus müsse allen Frauen Raum bieten, in Peru insbesondere jenen, die bisher übersehen wurden: Frauen aus ländlichen Regionen, Indigene Frauen, die LGBTQ+ Community. Auch die feministische Bewegung in Österreich muss diesen Prinzipien gerecht werden und für einen Feminismus einstehen, der für alle gedacht ist. Denn um es mit Audre Lords Worten zu sagen: „Ich bin nicht frei, solange noch eine einzige Frau unfrei ist, auch wenn sie ganz andere Ketten trägt als ich.“


zur Autorin: Vanessa Steiner

aus Vorarlberg mit Wurzeln in Peru
seit 2017 in Wien, wo sie Psychologie und Publizistik studiert.
Machte bereits Stationen im EU-Parlament in Brüssel und der Österreichischen Botschaft in Washington D.C.
Aktuell absolviert sie ein Praktikum bei der „Neuen Vorarlberger Tageszeitung“ & im Winter beim „derStandard

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