Teil 1 der dreiteiligen Artikelserie „Machtfaktor Impfstoff“ von Alex Kessler-Abreu vom März 2021. Dieser Artikel beruht auf den Recherchen des Bureau of Investigative Journalism.
Der US-amerikanische Pharmakonzern Pfizer und die deutsche BioNTech waren die ersten, die in der Europäischen Union, den Vereinigten Staaten von Amerika und in vielen anderen Ländern die Zulassung für den Verkauf ihrer Corona-Impfung erhielten. In sehr vielen Staaten nimmt deren Impfstoff eine zentrale Rolle in der Impfstrategie ein. So auch in Lateinamerika. Chile, Costa Rica, die Dominikanische Republik, Ecuador, Kolumbien, Mexiko, Panama, Peru und Uruguay. Sie alle haben einen Vertrag mit Pfizer, warten aber noch immer auf die ersten Lieferungen. Die Vertragsdetails dieser stehen aber unter Geheimhaltung, ähnliches gilt übrigens auch für deren Vertrag mit der Europäischen Union, wo nur scheibchenweise Details bekannt werden. Nun veröffentlichte aber ein Land, das zwar auch an diesem Impfstoff interessiert war, die Verhandlungen aber schlussendlich abgebrochen hat, die Details: Argentinien. Die Enthüllung: Pfizer setzt lateinamerikanische Staaten unter enormen Druck, manche sprechen dabei sogar von Erpressung. Aber eines nach dem anderen

Argentiniens Regierung begann ihre Verhandlungen mit Pfizer im Juni 2020, wie fast alle Staaten also bevor der Stoff überhaupt in die finalen Testphase überging, geschweige denn irgendwo zugelassen wurde. Die Forderungen des Pharmariesen an die argentinische Regierung hatten es in sich. Gefordert wird unter anderem, dass der Konzern vor Privatklagen von BürgerInnen geschützt wird und dass der Staat mögliche Schadensersatzansprüche, beispielsweise auf Grund von Nebenwirkungen, zahlen muss. Doch damit ist es noch lange nicht vorbei. Denn nicht nur seltene Nebenwirkungen, sondern auch Fehllieferungen und Produktionsfehler sollen straffrei bleiben können. Ein großer Teil dieser Forderungen akzeptierte das Land, so wie viele andere auch. Das Parlament verabschiedete eine entsprechende Gesetzesnovelle im Oktober des letzten Jahres. Allerdings soll Pfizer damit nicht zufrieden gewesen sein, denn die gewünschte Straffreiheit vor Fahrlässigkeit und Arglistigkeit waren im Gesetz nicht inkludiert. Präsident Fernández verweigerte weiterreichende Straffreiheiten. Laut argentinischen Offiziellen soll Pfizer zu keinem Zeitpunkt kompromissbereit gewesen sein, im Gegenteil. Zusätzlich zu den Gesetzesänderungen forderte Pfizer, dass Argentinien sich zusätzlich im Ausland versichern soll, um für potenzielle Strafverfahren zahlen zu können. Im Dezember kam eine weitere, sehr erstaunliche, Forderung dazu. Die Republik solle Staatseigentümer wie beispielsweise Botschaftsgebäude im Ausland, Militärbasen und auch Reserven der Nationalbank als zusätzliche Sicherheiten anführen.
Wenig verwunderlich überschritt dies für die argentinische Regierung eine rote Linie. Die Verhandlungen mit Pfizer wurden abgebrochen. Den gleichen Schritt setzte wenig später auch Brasilien im Jänner 2021, dessen Gesundheitsministerium die Forderungen in einer Pressemeldung als „Missbrauch“ bezeichnete.
Das Bureau of Investigative Journalism – auf dessen Recherchen dieser Artikel beruht – sprach auch mit einem Offiziellen eines Landes, das schlussendlich eine Vereinbarung mit Pfizer traf. Das genaue Land kann aber auf Grund der Geheimhaltungsklausel, welches diese Staaten unterzeichnen mussten, nicht genannt werden. Erst im Jahr 2026 sollen diese auslaufen. Dieser Whistleblower bestätigte, dass die Verhandlungen ähnlich verlaufen sind, wie es im Falle Argentiniens und Brasiliens war. Auf Grund der vielen Forderungen Pfizers verzögerte sich der Abschluss des Vertrags um 3 Monate. Wertvolle Zeit im Kampf gegen die Pandemie. Die noch schwerwiegendere Folge dieser Verzögerung ist aber diese: Pfizer liefert seine Impfstoffe im „first come, first serve“ Prinzip. Sprich, Staaten, die zuerst bestellten, bekommen auch zuerst geliefert. Was ist die Folge? Die lateinamerikanischen Staaten, die bei Pfizer bestellt haben, haben Großteils bis dato (März 2021) noch keine Lieferungen erhalten. Dabei soll ein großes Verkaufs- beziehungsweise Druckargument von Pfizer gewesen sein, dass sie schnell liefern werden.
Klar, ein privates Unternehmen hat zum Ziel, die höchstmöglichen Profite zum minimalen Risiko zu erzielen. Angesichts dessen, dass dabei aber Menschenleben auf dem Spiel stehen und die Hersteller von massiven finanziellen Subventionen durch öffentliche Gelder profitierten, sind die hier angewendeten Methoden moralisch äußerst fragwürdig. Man könnte sogar so weit gehen und sagen, dass der Pharmakonzern Pfizer ihren Vorsprung in der Covid-Impfstoff Produktion dazu missbraucht hat, um Staaten zu erpressen.
