Teil 2 der dreiteiligen Artikelserie „Machtfaktor Impfstoff“ von Alex Kessler-Abreu vom März 2021
Der Internationale Flughafen Las Américas in Santo Domingo, Dominikanische Republik. Am Abend des 15. Februar 2021 landet eine Iberia Maschine aus Madrid kommend. Am Boden tummeln sich neben dem Bodenpersonal auch Journalisten, hochrangige Politiker und der Präsident der Republik, Luís Abinader. Sie warten darauf, dass die Frachtluke geöffnet wird. Darinnen befindet sich eine heiß erwartete Ware aus dem fernen Asien. Dabei handelt es sich um Impfstoffe von AstraZeneca, ein Geschenk aus Indien. Schon am nächsten Tag begann in den ersten Krankenhäusern die Impfkampagne. Auch andere Staaten wie Argentinien, Barbados, Brasilien, Dominica, El Salvador und Mexiko erhielten in diesen Wochen große Mengen an Impfstoffen aus Indien. Und das geschenkt! Und damit ist es noch lange nicht vorbei, denn laut indischem Außenministerium sollen weitere Geschenklieferungen an die CARICOM-Staaten sowie Kuba und die Dominikanische Republik folgen. Weltweit wurden bereits über 6 Millionen Impfdosen aus indischer Produktion verschenkt. Selbstverständlich geschieht das nicht aus rein selbstlosen Gründen. Vielmehr versucht die dortige Regierung unter Narendra Modi ihre vorteilhafte Position (60% der globalen Impfstoffe werden in Indien produziert) auszunutzen, um außenpolitisch Kapital zu schlagen.

Lateinamerika ist eine Region, in der die aufstrebende Macht noch wenig Fuß gefasst hat. Eines von Indiens größten Rivalen, die Volksrepublik China, hat sich schon seit vielen Jahren dort verankert. China ist für viele Staaten der Region bereits der wichtigste Handelspartner. Viele Menschen aus China haben sich in den Amerikas angesiedelt und betreiben dort Geschäfte. In vielen Hauptstädten gibt es bereits, ähnlich wie in New York, eigene „Chinatowns“. Und auch im Verkauf von Impfstoffen nimmt es, neben Russland, eine große Rolle in Lateinamerika ein. China, Russland und jetzt auch Indien nutzen dabei die vorher bereits beschriebenen Lieferprobleme beziehungsweise die hinterlassenen Lücken der amerikanischen und europäischen Konzerne. Allerdings geschieht dies im Falle Indiens nicht ganz ohne Widerspruch. Denn dort häuft sich die Kritik, dass die Regierung Menschen in anderen Ländern bei der Impfung Priorität über die eigene Bevölkerung gibt, dessen 1,4 Milliarden Menschen noch weit von einer Durchimpfung entfernt sind.
Nichtsdestotrotz, das Image Indiens in Lateinamerika erlebte durch diese Geschenke-Politik einen Boost und es wird in den nächsten Jahren definitiv spannend zu beobachten sein, wie sich Indiens Rolle in der Welt und in den Américas weiterentwickeln wird.
